Emotionen und Geduld

 

 

Der Umgang mit Pferden ist eine großartige Charakterschulung für den Reiter!

Wichtige Grundpfeiler in der angemessen Einwirkung auf das Pferd sind Geduld und das Beiseite schieben der eigenen Emotionen. Beide Eigenschaften lassen sich sehr gut trainieren.

 

Dem einen Menschen fällt es einfacher und dem anderen etwas schwerer, gerade wenn das Pferd heute, wo die Freunde an der Bande stehen und zusehen, die Übung , die gestern super geklappt hat, jetzt ganz verweigert; diese Situation hat wohl schon jeder einmal erlebt.

Die spannende Frage ist jedoch nur, wie Du darauf reagierst!

 

Tony Robbins sagt: „Nothing in life has any meaning except the meaning you give it.“

 

Nur, wenn Du ohne Emotionen mit deinem Pferd umgehst, bist Du in der Lage, die Hilfen angemessen und fair zu geben. Dadurch erlangst Du das Vertrauen und den Respekt deines Pferdes.

Bist Du hingegen wütend, ängstlich oder auch voll überschwänglicher Freude, so wirkst Du instabil und nicht vertrauenswürdig auf das Pferd, weil Du die Hilfen mal stark, mal schwach, oder ganz anders als gestern einsetzt.

Wenn Du ihm fair und gelassen begegnest, kannst Du die Situation mit diesem großen Lebewesen, das Du respektierst und liebst, händeln.

 

Zeige deinem Pferd, dass Du geduldig, sanft und bestimmt bist und zwar immer! Beobachte einmal eine Pferdeherde. Der Herdenchef oder Herdenchefin ist nicht das stärkste Pferd der Herde, es ist das, das die größte Gelassenheit und Bestimmtheit ausstrahlt. Es braucht meist nicht mal ein Ohr zu bewegen, um andere Pferde weichen zu lassen. Alle respektieren es und vertrauen ihm.

 

Wie wirst Du jetzt geduldiger und fairer?

 

„Frustration endet wenn Wissen beginnt“ sagt Clinton Anderson. Das bedeutet, dass Du umso sicherer und wirkungsvoller wirst, je mehr Wissen und Erfahrung Du sammelst.

Wenn Du effektiv sein willst, brauchst Du also erst mal einen Plan, wie Du deinem Pferd eine Übung beibringen möchtest, und dann musst Du vom Pferd verstanden werden.

Deshalb ist es auch sehr sinnvoll, ein Manöver in kleine Schritte zu unterteilen, die aufeinander aufbauen.

Mark Rashid beschreibt es mit dem Spruch: „set it up and wait“. Du gibst deinem Pferd eine Aufgabe, indem Du leichten Druck ausübst, den das Pferd verstehen kann. Dann wartest Du ab, bis das Pferd versucht die Aufgabe zu erledigen und belohnst den kleinsten Versuch , indem Du sofort den Druck wegnimmst!

Durch das Nachgeben im richtigen Moment lernt das Pferd, nicht durch den Druck zuvor.

 

Wichtig ist zudem, dass Du deinem Pferd klare Regeln setzt. Dann kann es Vertrauen zu dir entwickeln, weil es weiß, was Du möchtest und was nicht, und dass es heute genauso gilt wie gestern.

Ein gutes Beispiel ist, dass Du den Abstand bestimmst, wie nah das Pferd dir kommen darf. Wenn Du eine Armlänge Abstand haben möchtest, so setze diese Regel immer sanft, aber bestimmt durch.

Verunsichere es nicht dadurch, dass es dir heute nahezu auf den Arm krabbeln darf, weil Du gut gelaunt bist und es so liebst, und es morgen zwei Meter Abstand halten muss, weil es dir auf den Fuß getreten ist und Du jetzt wütend bist!

Und diese Regeln werden doppelt wichtig, wenn das Pferd in einer ungewohnten Situation unsicher wird. Dann braucht es gerade die Sicherheit der Regeln. Sinnvolle Regeln sind also nichts Negatives, im Gegenteil! Sie bringen Vertrauen und Struktur.

 

„Wenn man mit dem Pferd kämpft hat man schon verloren!“ Ist Mark Rashids klare Botschaft. Wenn alles harmonisch und gut ist, ist es einfach, ruhig und geduldig zu sein. Aber kannst du auch noch ohne Emotionen und fair mit dem Pferd umgehen, wenn es dich zum Beispiel beißt, oder umherzieht? Das ist die große Frage.

Die Antwort ist die Grundhaltung, mit dem Pferd arbeiten. Es ist so ein einfacher Satz, aber für mich war diese Erkenntnis wirklich ein großer Aha Moment in meinem Pferdetraining!

Mit dem Pferd zu arbeiten bedeutet, nicht darauf zu warten, bis es einen Fehler macht, und ihn dann zu korrigieren. Das bringt einen nämlich leider schnell in eine Haltung, in der man nur noch die Fehler bemerkt.

Man wird viel fairer, wenn man sieht, was alles gut klappt und von dort aus Schritt für Schritt an neue Dinge herangeht.

 

Ein weiterer Punkt, der die Geduld und Gelassenheit auf eine harte Probe stellt, oder sie sogar unmöglich machen, ist Zeitdruck.

Zeit sollte im Pferdetraining eine geringe Bedeutung haben. Das Pferd hat keine Termine mehr, keine Uhr. Deshalb versuche wirklich, die Zeit außer acht zu lassen. Das bedeutet auch, dass Du länger bei einer Lektion, einem Muster bleibst, bis das Pferd sie wirklich verstanden hat und umsetzen kann und nicht nur Dinge abfragst, um schnell zur nächsten Übung überzugehen. Ein korrekter Schritt ist viel wertvoller als zehn inkorrekte Schritte!

Geduld bedeutet, das Jetzt zu genießen anstatt immer in Gedanken schon beim nächsten Schritt zu sein. Sei bei deinem Pferd im Jetzt, auch das kannst Du von ihm lernen!

 

Was machst Du jetzt, wenn Du bei einer Übung nicht weiterkommst, oder heute nichts klappen möchte?

 

„Ein Fehlschlag ist kein Grund sich aufzuregen, das Ego ins Spiel zu bringen oder nachtragend zu sein; er gehört zum Leben dazu!“ Sagt Mark Rashid.

Wenn Du in deinem Pferdetraining in eine schwierige Situation gelangst, an einen Punkt, an dem Du nicht weiter weiß und merkst, dass jetzt deine Emotionen hochkommen wollen, so stoppe dich.

 

Erstmal atmest Du zehn Mal tief durch, denn wir neigen dazu, die Luft anzuhalten, wenn wir gestresst sind. Dann versuche einmal „heraus zu zoomen“ und das Problem objektiv betrachten. Die Dinge langsamer zu tun, oder einzustellen, nimmt dem Druck aus der Situation und gibt dir die Gelegenheit, die Dinge in der richtigen Perspektive zu sehen.

 

Keine Emotionen zu zeigen bedeutet für das Pferd auch, dass Du keine große Sache draus machst. Und wenn das geschieht, dann wird sie dass auch nicht! Du entscheidest, wie du auf eine Situation reagierst.

Epictetus sagte dazu: „Nicht das was passiert zählt, sondern wie du darauf reagierst.“

 

Wenn Du nun in Ruhe die Situation betrachtest, dann siehst Du bestimmt durch deine Erfahrung einen anderen Weg, zum Ziel zu kommen. Es gibt nicht die eine vorgefertigte Strategie, die Du auf jedes Pferd anwenden kannst und das macht das Training ja gerade so interessant!

 

Zum Abschluss kommt ein Ausschnitt aus einem tollen Gedicht von dem bedeutenden Schriftsteller Rainer Maria Rilke:

 

Über die Geduld

 

Man muss Geduld haben

Mit dem Ungelösten im Herzen,
und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben,
wie verschlossene Stuben,
und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache
geschrieben sind.

Es handelt sich darum, alles zu leben.
Wenn man die Fragen lebt, lebt man vielleicht allmählich,
ohne es zu merken,
eines fremden Tages
in die Antworten hinein.

 

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© Maike Tabertshofer

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